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Cassandra Wilson:
New Moon Daughter

 

Strange Fruit / Love Is Blindness / Solomon Song / Death Letter / Skylark / Find Him /
I’m So Lonesome I Could Cry / Last Train To Clarksville / Until / A Little Warm Death / Memphis /
Harvest Moon / 32-20
Cassandra Wilson (voc), Chris Whitley, Brandon Ross (g), Kevin Breit (g, bj, irish bouzouki), Gary Breit (organ), Gib Wharton (pedal steel), Graham Haynes, Lawrence “Butch” Morris (cornet), Charlie Burham (vl),
Tony Cedras (acc), Lonnie Plaxico, Mark Anthony Peterson (b), Dougie Brown (dr), Cyro Baptista,
Jeff Haynes (perc), The Peepers (back voc)
Bearsville, NY / New York City, 1994/95

 

Cassandra Wilson (*1955) selbst meinte, bei diesem Album ginge es um Zyklen, um sich schließende Kreise, seien es nun grundlegende Konstellationen wie Leben und Tod (Strange Fruit), Liebe und Verlust (A Little Warm Death) oder auch die Rückbesinnung auf Songs wie Hank Williams I’m So Lonesome I Could Cry oder Love Is Blindness von U2 oder Last Train To Clarksville von den Monkees, die unter ihrem fortgeschrittenen Verständnis von Jazz wieder Sinn machten. Tatsächlich hatte die Sängerin aus Jackson (Mississippi) im Laufe des vorangegangenen Jahrzehnts eine beachtliche Entwicklung vollzogen. Von den ersten, eher experimentellen Gehversuchen im New Yorker M-Base-Kreis um Steve Coleman (“Point Of View”, 1985) über den Durchbruch als Standards-Sängerin (“Blue Skies”, 1988) war sie zur bekanntesten Vokalistin ihrer Generation herangereift. Spätestens mit dem Wechsel zu Blue Note (“Blue Light ’Till Dawn”, 1993) stellte sich auch kommerzieller Erfolg ein. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Wilson einen persönlichen, wiedererkennbaren Stil entwickelt, den sie auf “New Moon Daughter” weiter kultivierte und verfeinerte. Sie bevorzugte tiefe Lagen, betonte ihr dunkles, rauchiges Timbre und legte Wert darauf, nicht begleitet zu werden, sondern Teil des Bandgeschehens zu sein. Ihre Aufnahmen wirkten daher erstaunlich homogen. Sound und Instrumentierung waren auf die Stärken ihrer Stimme abgestimmt, ließen Raum für leise Details und ermöglichten eine effektvolle Dramaturgie der Diktion und der fließenden, gebundenen Artikulation. Deshalb klang Billie Holidays bittere Anklage gegen die Lynchjustiz Strange Fruit genauso authentisch interpretiert wie Neil Youngs Harvest Moon oder der Blues-Klassiker 32-20 von Robert Johnson. “New Moon Daughter” wies außerdem mit seinem individuellen Vorlieben folgenden Repertoire und den effektvoll kargen, mit Instrumenten wie Banjo, Akkordeon und Pedal Steel ausgestatteten Arrangements den Weg in Richtung stilistischer Ursprünge im Folkblues des Südens, den Wilson in den kommenden Jahren weiter verfolgte. Und es wurde vielfach preisgekrönt, unter anderem 1996 mit einem Grammy als Best Jazz Vocal Performance.

 

Quelle: Dombrowski, Ralf. 2005. „Basis-Diskothek Jazz“.
Mit einem Nachwort von Manfred Scheffner.
Stuttgart: Reclam.
(Abdruck mit freundlicher Genehmigung)