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Miles Davis:
The Complete Birth Of The Cool

 

The Studio Sessions: Move / Jeru / Moon Dreams / Venus De Milo / Budo / Deception / Godchild / Boplicity / Rocker / Israel / Rouge / Darn That Dream / The Live Sessions: Birth Of The Cool Theme / Symphony Sid Announces The Band / Move / Why Do I Love You / Godchild / Symphony Sid Introduction / S´il Vous Plait / Moon Dreams / Budo (Hallucination) / Darn That Dream / Move / Moon Dreams / Budo (Hallucinations)
The Studio Sessions: Miles Davis (tp), Kai Winding, JJ Johnson (tb), Junior Collins, Sandy Siegelstein, Gunther Schuller (frh), Bill Barber (tuba), Lee Konitz (as), Gerry Mulligan (bar-s), John Lewis, Al Haig (p),
Joe Shulman, Nelson Boyd, Al McKibbon (b), Max Roach, Kenny Clarke (dr), Kenny Hagood (voc)
New York, 21. Januar / 22. April 1949 / 9. März 1950

The Live Sessions: Miles Davis (tp), Mike Zwerin (tb), Junior Collins (frh), Bill Barber (tuba), Lee Konitz (as), Gerry Mulligan (bar-s), John Lewis (p), Al McKibbon (b), Max Roach (dr), Kenny Hagood (voc)
New York, Royal Roost, 4./18. September 1948

 

Der Titel “Birth Of The Cool” tauchte zum ersten Mal 1954 auf, als ein Teil der Aufnahmen des Miles Davis (1926-1991) Nonetts auf einer 25 cm-LP veröffentlicht wurde. Als wirkliches Etikett fungierte er erst seit 1957, als die Capitol endlich elf der 12 Studioaufnahmen auf einer Langspielplatte versammelte (die Ballade Darn That Dream mit dem Sänger Kenny Hagood passte zu dieser Zeit nicht mehr ins Konzept). Damals aber waren bereits die wirklich coolen Aufnahmen der mittleren Fünfziger mit dem Davis-Quintett auf dem Markt, so dass der Titel streng genommen in die Irre führt. Fest steht allerdings, dass der Sound, der in drei Schellack-Sessions 1949 und 1950 festgehalten wurde, sich tatsächlich deutlich von dem unterschied, was üblicherweise in den Clubs zu hören war. Die Arrangeure Gil Evans, Gerry Mulligan und John Lewis versuchten, einen weichen Orchesterklang à la Claude Thornhill auf die kleine Besetzung von sechs Bläsern und Rhythmusgruppe zu komprimieren. Der Weg dorthin führte zum Beispiel über formale Experimente wie in Boplicity, wo das 32-taktige AABA-Schema durch geschmeidige, die Teile eng verbindende Linienführung relativiert und im zweiten Chorus durch einen um zwei Takte verlängerten B-Part verändert wurde. Bepop-Läufe wurden für Ensemble ausrangiert und verlangsamt, Soli fanden zum Teil über auskomponierter Grundlage statt und Mulligans Jeru weichte die Liedform durch wechselnde 3/4- und 4/4-Takte, Verkürzungen und Dehnungen beinahe völlig auf. Davis selbst verzichtete weitgehend auf dramatische Stilmittel wie große Intervallsprünge, Dynamikkontraste, intensivierende Tongestaltung und konzentrierte sich darauf, flüssig, getragen, traditionell zu phrasieren. Allerdings hatten die Musiker keinen Paradigmenwechsel im Sinn, eher eine Ausweitung des Ausdrucksinventars. Das belegen sowohl schnelle Nummern wie Move oder Budo, wie auch die der CD-Ausgabe angehängten Live-Radio-Aufnahmen aus der Hähnchenbraterei “Royal Roos” am Broadway. Dort hatte das Nonett ein halbes Jahr vor den ersten Studioterminen ein Engagement und spielte vor allem solistisch weitaus gewagter. So ist “Birth Of The Cool” eine Ideensammlung, die Möglichkeiten der ästhetischen Fortsetzung der Bebop-Ära reflektierte. Zu einem programmatischen Konzeptalbum wurde es erst in der Rückschau der Jazzgeschichtsschreibung. Davis selbst jedenfalls meinte dazu in seiner Autobiographie: “Wir spielten uns etwas sanfter in die Ohren der Leute als Bird und Diz, bewegten uns in Richtung Mainstream. Mehr war´s nicht” (M. Davis, “Die Autobiographie”, Hamburg 1993, S. 143).
Quelle: Dombrowski, Ralf. 2005. „Basis-Diskothek Jazz“.
Mit einem Nachwort von Manfred Scheffner.
Stuttgart: Reclam.
(Abdruck mit freundlicher Genehmigung)